Hallo,
die Frage ist vielleicht etwas provozierend - denn eigentlich würde man ja sagen, dass die Grundlagen für jede klassische Stimme, egal welchen Faches, gleich sind (Stimmsitz, Vokalausgleich, Registerausgleich, um nur mal ein paar Stichwörter zu nennen). Dennoch: ist es nicht so, dass eine Altistin mit einem anderen Ansatz singt, als ein Mezzo und als ein Sopran - analog bei den Männerstimmen genauso?
Zur Erläuterung, warum ich die Frage stelle, möchte ich kurz meine eigene Entwicklung schildern (viele erkennen sich darin sicher wieder). Als ich noch keinen GU hatte, habe ich mich im Chor spontan in den 2. Sopran gesetzt. Dort fühlte ich mich (bei schwerpunktmäßig Renaissancemusik) immer gut aufgehoben. Meine erste Lehrerin (bei der ich aus guten Gründen nicht so lange war), stufte mich als Sopran ein ("in der Tiefe kommt ja bei dir nur heiße Luft"), meine jetzige, langjährige Lehrerin hat mich nie in eine Schublade gesteckt, aber sie hat auch schon mal fallen lassen, dass sie mich lange als "werdenden Sopran" mit der Zwischenbezeichnung "Mezzo" gesehen hat. Als ihr ihr sagte, dass ich im Chor in den Alt wechseln wollte (vor 3 Jahren), hat sie mich erstaunt angesehen, aber gemeint, das sei wohl ok, es sei ja erst mal entspannender, solange ich in der Höhe noch nicht so sicher sei. Sie hat zwischendurch auch immer schon mal bei meiner Tiefe aufgehorcht, aber von Alt war nie die Rede. Ich wollte dann irgendwann mal eine Altarie singen, habe mich dabei aber gnadenlos festgesungen. Also dachten wir beide, ich sei eben definitiv kein Alt. Die Höhe machte aber auch nicht wirklich Fortschritte. Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich letzten Sommer mal berichtet habe, ich wolle jetzt eine höhere Mezzoarie probieren, die über meiner eigentlichen Wohlfühllage liegt, nur mal so zum Testen, weil ich wissen wollte, ob ich vielleicht mit etwas Höhentraining weiterkäme. Das Resultat war: ich konnte die Arie zwar singen, war danach aber immer fix und fertig, es hat mich total angestrengt. Und ein Trainingseffekt stellte sich auch nicht ein. Als nächstes habe ich dann das Gegenteil versucht: eine Altarie etwas unterhalb der (bisherigen!) Wohlfühllage (Messias, O thou that tellest). Und das war dann eine wirkliche Offenbarung! Nicht, dass dies auf Dauer meine Wohlfühllage würde, das glaube ich nicht, aber der Stimmklang hat sich derartig zum Positiven entwickelt (voller, runder, die mittlere Höhe brillanter), dass ich glaube, dass dies mit einer "altistischen" Einstellung zu tun hat. Ich habe das Gefühl, dass ich nach langer Suche endlich zu einem eigenen Stimmklang gefunden habe (und das wird mir von meiner Lehrerin bestätigt), der mir allerdings noch nicht immer auf Anhieb zur Verfügung steht. Beispiel: ein Stück setzt auf h1 ein, ich singe erst mal ein h und anschließend mit der gleichen Einstellung das h1, dann ergibt sich dieser "Glanz" in der Stimme, ein schönes Vibrato stellt sich ein. Setze ich unbedarft gleich auf dem Ton ein, schiebt sich die "alte" Technik dazwischen, der Ton klingt viel flacher mit wenig Vibrato.
Glaubt ihr, dass man tatsächlich von einer "Altistinnentechnik" sprechen kann, oder meint ihr, dass das, was ich beschreibe, einfach eine ganz normale Entwicklung ist, die Sopranistinnen genauso durchlaufen, wenn sie ihre Tiefe entdecken? Singt man als Alt, Mezzo, Sopran mit einem jeweils unterschiedlichen Ansatz, einer unterschiedlichen Einstellung des Instruments, oder ist das Quatsch? Was meint ihr? Irgendwo muss es aber ja auch herkommen, dass man von "Fachwechsel", "Umstellung von Mezzo auf Sopran" (oder umgekehrt) spricht. Bin gespannt auf eure Meinungen.
Liebe Grüße,
Orphenica
