Das Thema Emotion und Distanz beschäftigt mich seit einiger Zeit vermehrt, deshalb möchte ich Stevens an anderer Stelle geäusserten Anmerkungen dazu an den Anfang eines neuen Threads stellen. Generell würde mich interessieren, wie ihr beim Einstudieren mit den Gefühlen umgeht und wie ihr sie zum Transport zum Publikum "verpackt".
Steven Grlscz hat geschrieben:
Hilfreich war außerdem der Ratschlag eines HNO-Arztes, der sein Leben lang Sänger behandelt hat: "Singen Sie wie Maschine, ohne Gefühl - werden sehen, klappt wie Schnürchen! Sänger Ihres Typs immer zu viel Gefühl geben, und dann bald zu wenig Stimme!" (Der Herr - das sei zu seiner Entschuldigung gesagt - ist östlicher Herkunft [und praktiziert übrigens in Berlin])
Dass der (sicher nicht kleinen) "Emotionsfraktion" hier im Forum der beschriebene Ratschlag nicht schmecken wird, ahne ich - aber ich habe am eigenen Leib gespürt, wie richtig, klug, klangveredelnd und stimmschonend der Gedanke des Arztes war. Weg mit "Oh, jetzt bin ich aber böse / zärtlich / traurig / grollend" etc. - hin zur eiskalten technischen Exekution der Gesangslinie. Man muss Gefühle transportieren, aber sie nicht selbst empfinden - auch wenn das der weit verbreiteten Gesangsromantik widerspricht! Ausnahme nach meinem Dafürhalten: Anfänger mit eher introvertiertem Naturell, die grundsätzlich Probleme mit emotionaler (Ent-)Äußerung haben. Im Übrigen spielt es sich so auch leichter und überzeugender - oder hilfts beim Witzeerzählen tatsächlich, wenn ich vor lauter Lachen kaum mehr artikulieren kann? Eiskalt servierte Pointen treffen meist besser! Ähnlich hatte sich bereits Hans Hotter geäußert, der die Bedeutung des Schauspiels für die Oper herausgestellt hat - zum Fühlen seien die Proben da!
Ich empfinde dies genauso, und würde sogar noch weitergehen und sagen, dass die Distanzierung auch für introvertierte Menschen wichtig und notwendig sein kann. Ich gehöre eher zu dieser Spezies, aber nachdem ich einmal die musikalische "Übersetzung" für die Emotionen in einem Stück gefunden habe, muss ich wieder sachlich werden, weil sonst die Stimme mich führt statt umgekehrt. Einfach nur singen mit mehr oder weniger echtem Gefühl ist für mich gar nicht empfehlenswert, das ist entweder ausdruckslos oder unkontrolliert oder im schlimmsten Fall gar beides. Dabei ist es für mich unerheblich, ob ich direkt in die Haut der dargestellten Figur schlüpfe (was ich bevorzuge) oder eine Verknüpfung mit eigenen erlebten Gefühlen herstelle. Wenn ich mich beim Singen von der Emotion steuern lasse, ist das klangliche Ergebnis ziemlich zufällig. Erst wenn ich eine gewisse Distanz gewinne, habe ich die Chance, die Botschaft nicht nur einmal, sondern mehrfach überzeugend zu verkaufen.
Aktueller Anlass für diese Überlegungen: Schon viel länger als ich erwartet hatte befasse ich mich mit Mozarts "Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte". Instinktiv geht bei mir die Dramatik dieser (und ähnlicher) Szene nach innen, ich reagiere eher mit einer Implosion als einer Explosion. Mein Lehrer hat mir die Gefühle zwar zugestanden, aber er hat sie mir nicht abgekauft: es kam zu wenig rüber. Also kam erst die Analyse: wo will ich welches Gefühl wie ausdrücken. Da war das "echte Gefühl" durchaus da, doch das Resultat war stimmlich alles andere als ideal. Also musste der Vulkan wieder in Eis gepackt werden: weg mit den Emotionen, her mit gesanglicher Disziplin. Wobei ich immer noch darüber staune, wieviel Eis notwendig war und ist. Allerdings würde ich dem von Steven zitierten Arzt entgegenhalten: wie eine Maschine ist das nicht; die Emotion ist auch nicht völlig weg, es ist aber tief ins Unterbewusstsein gepackt worden. Dass das dann immer noch glaubhaft rüberkommt, bzw. glaubhafter als die im Bewusstsein präsente Emotion, finde ich eigentlich sehr seltsam....
Wie erlebt ihr diese Dinge? Und wie geht ihr mit dem Feedback um, wenn der Eine sagt, es komme nix rüber, und der Andere meint, es sei mehr als genug?
Gruss
lucicare :Sonne