Hallo,
den genauen Aufhängepunkt dieser Diskussion kenne ich ja nicht, aber es scheint die Erscheinung, daß Instrumentalmusiker Geld verlangen für gemeinsame Konzerte mit Sängern, zu sein.
cantilene hat geschrieben:
Warum gelten Sänger als Musiker zweiter Klasse?
Ich will versuchen, mich dieser Frage aus der Sicht der Instrumentalisten zu nähern.
Ich denke mir, daß das zunächst mit einer ganz einfachen Sache zu tun hat: singen kann jeder. Das Lied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" kriegt jeder irgendwie hin.
Um dasselbe auf einem Instrument zu spielen, ist viel mehr Übung nötig, meist sogar Unterricht.
Dann ist es doch so, daß jemand, der ein einfaches Lied z.B. auf dem Klavier begleiten soll, viel mehr können muß als der Sänger, weil die technischen Anforderungen an den Pianisten meist durchaus deutlich größer sind. Und - er ist als Begleiter tätig, eine weitere Herausforderung an sein Können. Wenn Sänger und Pianist gleichweit (bzw. gleichkurz) ausgebildet sind, wird oft nichts Gescheites dabei herauskommen. Also: der Gesangsanfänger benötigt meist fortgeschrittene Instrumentalisten.
Außerdem glänzen Sänger meiner Beobachtung nach überproportional häufig durch Ahnungslosigkeit: Jeder, der ein Instrument lernt, muß sich im Laufe seiner Ausbildung gewisse musiktheoretische Kenntnisse aneignen. Bei Sängern sind diese gelegentlich äußerst rudimentär bis gar nicht vorhanden. Sänger, die mit "Dominantseptakkord" nichts anfangen können, dürften Instrumentalmusikern etwas seltsam anmuten.
Ebenso ist es eine Selbstverständlichkeit für Instrumentalisten, daß sie vom Blatt spielen können, eine Fähigkeit, die Sängern nicht allzu selten völlig abgeht.
Ein weiteres Manko, welches sch bei manchen Solistensängern zeigt, ist eine große Ahnungslosigkeit und Unwissenheit bzgl. Stilfragen, welche durchaus mit einer wunderbaren Stimme einhergehen kann.
Zitat:
Gilt das allgemein oder eher für die, die vor lauter Leidenschaft für den Gesang alle Bedingungen akzeptieren?
Der Sänger, der die "Winterreise" singen möchte, ist ohne Pianisten recht aufgeschmissen. Der Pianist hat Möglichkeiten ohne Ende, sich ohne Sänger zu vergnügen und zu profilieren.
Der Chor, der die "Schöpfung" singen möchte, benötigt ein Orchester, welches ihm "zu Diensten" ist. Daß ein Orchester darauf brennt, die Schöfung zu spielen, und sich in heller Aufregung einen Chor sucht, dürfte eher der seltene Fall sein.
Die Sänger, die diese Werke unbedingt aufführen wollen, sind auf die Instrumentalisten angewiesen, Abhängigkeiten und Interessenlage sind doch sonnenklar.
Nun kommt die Leidenschaft ins Spiel: ein Sänger (solange er noch keinen Namen hat) ist froh, wenn man ihn endlich einmal öffentlich singen läßt, wenn er singen DARF. Da spielt das Geld zumeist keine große Rolle, zumal er genau weiß: wenn ich ablehne, gibt es noch drei andere, die's zu diesen Bedingungen gerne machen.
Warum ist das bei Sängern so, warum möchten die so gerne singen? Warum nehmen sie so viel in Kauf?
Das ist ja nicht nur Leidenschaft für den Gesang. Es ist ja wohl auch der Wunsch, endlich einmal zeigen zu dürfen, was man kann. Und wenn ein Sänger dies darf, ist's ungemein wirkungsvoll: die Aufmerksamkeit des Publikums ruht auf ihm und nicht auf den Geigen und Querflöten.
Mühe haben Instrumentalisten und Sänger gleichermaßen, Ruhm und Aufmerksamkeit ernten hauptsächlich die Sänger, so daß fürs Ego der fidelnden Fraktion wenig herausspringt.
Zitat:
Status einer"offiziellen" Musiker-Ausbildung
Ich glaube, es ist weniger der Status, als die Tatsache, daß bei die Sängerausbildung oft weniger Aspekte beinhaltet als die der Instrumentalisten, und ich glaube, je "privater" das Studium ist, umso größer ist die Gefahr hierfür.
Trotz der oben geschilderten Punkte kenne ich aber allerlei gelungene Zusammenarbeit zwischen Sängern und Instrumentalisten. Die Voraussetzungen sind dabei
freundschaftliche Bande und hieraus der Wunsch, zusammen zu musizieren
oder
die gemeinsame große Liebe zu einem bestimmten Werk, einer Epoche einem Komponisten und hieraus der Wunsch, etwas gemeinsam zu machen.
Unter der Voraussetzung, daß genügend Zeit zur Verfügung steht, lassen sich in diesen Konstellationen trotz eines eventuellen Leistungsgefälles schöne und für alle befriedigende Ergebnisse erreichen, nicht zuletzt deshalb, weil auch der Weg zum Ziel "lustbetont" ist.
Gruß v. Emmy