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 Betreff des Beitrags: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 14.04.2009, 10:20 
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hat jemand gestern die szenische Aufführung von Händels Messias auf Arte gesehen?

was haltet Ihr davon?

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Der Sänger singt am Weiher leise, doch singt er etwas leierweise.


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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 14.04.2009, 14:39 
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Lieber T M Pestoso,

ich habe es fast bis zum Ende gesehen (es wurde mir ein wenig zu spät, für mich sind die "Osterferien" rum) . Interessiert haben mich zwei Aspekte: Zum einen schaffe ich mir gerade die Altpartie drauf und zum anderen wollte ich wissen, was szenisch daraus gemacht wurde.

Die Inszenierung fand ich kaum gelungen. Ich kann mir eine szenische Bearbeitung von geistlichen Oratorien und auch passende Übertragungen auf die Jetztzeit durchaus gut vorstellen, entweder als gesamte Handlung oder auch mit Einzelszenen.

Der Zusammenhang mit den Aussagen des Messias hat sich hier aber oft gar nicht erschlossen. Die Idee, darzustellen, wie heute ein persönliches Golgatha aussehen kann, etwa durch Mobbing - Demontage im Job und gleichzeitigem Zerbrechen der Partnerschaft, was Menschen bis in den Tod treiben kann, ist grundsätzlich durchaus haltbar und war auch noch einer der stärkeren Momente, aber richtig stringent war das auch nicht umgesetzt. Die Situation, das jemand mit Charisma und guten Absichten, aber mutig vertretenen unbequeme Überzeugungen allmählich den Zorn der Mitmenschen ungerechterweise auf sich zieht wie Jesus im Passionsgeschehen, tritt auch in der Gegenwart immer wieder ein und kann durchaus die Aktualität des Geschehens übermitteln. Hierzu fehlten aber einige Bausteine in der Inszenierung.

Vollends daneben fand ich diese Bettszene und auch die Umdeutung des Trostes aus "Er weidet seine Herde" als Mittel des anderen Mannes, sich an die Partnerin des Gescheiterten heranzumachen. Ein Idee, ja, aber verfehlt. Das ist doch immer noch ein geistliches Werk und ich bin der Meinung, ein Bezug zu transzendentalen Themen oder zumindest fundamentalen Fragen des Menschseins muss bleiben. So sehr ich den Verfremdungseffekt schätze, aber hier gehört er nicht hin, weil auch nicht erkennbar ist, dass diese Deutung auch nur ansatzweise vom Komponisten gemeint war.

Zum Musikalischen:

Leider gibt die Tongebung meines Fernsehers nicht genug her, um den Orchesterklang wirklich beurteilen zu können. Es war wohl eine "HIP" - Besetzung (was instrumental durchaus die Opernbühne füllen kann) und m. E. sehr stilecht. Den Chor fand ich etwas zu wenig dynamisch wandlungsfähig. Er blieb m. E. immer p bis mf, obwohl Händel auch das Forte in der dynamischen Palette bedacht hat. Es hat sicher seinen Reiz, dass das große Halleluja nicht nur donnert, aber ganz ohne geht auch nicht. Die Handbewegungen der Chorsänger fand ich wiederum ganz spannend.

Von den Sängern hat mir der Counter am besten gefallen, sehr virtuos und intensiv in der Interpretation. Allerdings hat er m. E. zuviel verziert und sich dabei auch zuweilen vergaloppiert in der Intonation.

Die beiden Sopranistinnen hatten mit der Intonation auch so ihre Probleme (besonders beim Rejoice, wobei ich glaube, dass diese Sängerin keine wirkliche Koloraturstimme - mehr? - hat). Ihre Vorträge hatten m. E. allerdings viel Intensität.

Der Tenor war eigentlich stimmlich ganz o.k., aber weniger interpretatorisch und der Bass war m. E. eigentlich kein richtiger Bass.

Also, insgesamt habe ich zwar keinen umfassend schlechten, aber, vor allem in Hinblick auf die Inszenierung, auch nicht den besten Eindruck.

LG
dola


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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 16.04.2009, 18:22 
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Lieber T M Pestoso,

mit einigem Bedauern sehe ich seit tagen, dass ich mir zu diesem Thema ziemlich alleine einen Wolf geschrieben habe... :verdacht

Wie fandest du es denn nun?

LG
:n141:

dola


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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 17.04.2009, 07:54 
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liebe dola,
ich hab' schon noch vor, was dazu zu schreiben. momentan muß ich meine zeit allerdings etwas einteilen, und da muß halt das eine oder andere hintanstehen...

TM Pestoso

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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 17.04.2009, 16:45 
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Ich hatte auch noch gehofft, daß es noch andere gesehen hätten und hier vielleicht etwas dazu schreiben…

Vorweg: Die szenische Aufführung von Händels Oratorien ist zunächst ja nicht so abwegig. Viele haben einen durchgängigen Handlungsfaden, der sie eigentlich als verkappte Oper ausweist. Theodora z.B. ist so ein Werk, wobei oratorientypisch natürlich das kontemplative Element überwieg, was an die Regie von Haus aus hohe Anforderungen stellt, damit es nicht langweilig wird. Um am Beispiel zu bleiben: ich finde die Glyndebourne-Theodora von 1996 unter William Christie und der Regie von Peter Sellars als durchaus gelungen. Vor allem gefällt mir dort, daß sich die durchaus schlüssige Regie nicht in den Vordergrund drängt. (Bin gespannt, wie die Theodora bei den diesjährigen Salzburger Festspielen unter Ivor Bolton und der Regie von Christof Loy ausfallen wird…)

Beim Messias fehlt ein entsprechender Handlungsrahmen komplett. Das Buch besteht aus einer Kompilation von voneinander unabhängigen Bibelstellen, deren thematische Verklammerung nur darin besteht, daß es Stellen sind, die sich mit Verkündigung, Geburt, Passion und Auferstehung des Messias sowie der daraus resultierenden Erlösung auseinandersetzen. Insofern widersetzt sich dieses Oratorium eigentlich einer szenischen Aufführung komplett, da es keinen szenischen Kontext aufweist. Eigentlich. Es sei denn, man nimmt aus dem Text beliebige Elemente und bastelt aus Assoziationen zu diesen Elementen eine Allerweltsgeschichte. Künstlerisch ist das zweifellos legitim. Ob ein zeitgenössischer Komponist mit einer derartigen "Umdeutung" einverstanden wäre, sei mal dahingestellt. Und ob es im vorliegenden Fall gelungen ist, ist doch sehr fraglich.

Daß eine derartige Bearbeitung inhaltlich zwangsläufig nichts mehr mit dem ursprünglichen Werk gemein hat ist trivial. Wer etwas anderes erwartet, ist selber schuld. Ebenso trivial ist die Feststellung, daß auf diese Weise manche Passagen doch ziemlich gezwungen und gestelzt wirken – wie etwa das von dola erwähnte "Er weidet seine Herde", oder auch "How beautiful are the feet" unter gleichzeitigem "Fuasseln" im Bett und andere. Claus Gluth nimm zwar Händels Musik, oder besser gesagt Jennens Text, zu dem Händels Musik nur Dreingabe ist (kennen wir dieses Vorgehen nicht inzwischen bis zum Abwinken?), zum Anlaß, daraus vordergründig mit seiner Inszenierung eine quasi allgemeingültige Darstellung der conditio humana zu schaffen, aber das Ergebnis bleibt schlechterdings in den durchaus existierenden Konventionen des Regietheaters stecken. Es ist banal. Es ist keine neue Deutung, sondern ein platter Aufguß des mittlerweile ewig Gleichen, der nur ein weiteres Mal auf ein weiteres Werk ausgegossen wurde. Wenn dann noch auf der Internetseite des Theaters an der Wien zu lesen ist "Bei Aufführungen im Konzertsaal wird das Werk leicht zur hohl-feierlichen Erbauung", dann kann man nur konstatieren, daß eine konkrete Auseinandersetzung der Macher mit Händels Oratorium offenbar noch nicht einmal im Ansatz stattgefunden hat: Daß dieses Werk (und andere Oratorien und Opern, nicht nur von Händel) primär durch die Musik wirkt, und keineswegs durch den Text, scheint manchen schlicht zu überfordern.

Die musikalische Umsetzung durch das Ensemble Matheus unter Jean-Christophe Spinosi war da auch kein Lichtblick. Die war zwar historisch informiert, aber ich habe bis jetzt noch nie einen musikalisch so spröden, sterilen, um nicht zu sagen: langweiligen Messias erlebt, wie diesen. Die drögen Bilder von der Bühne mögen diesen Eindruck sicher noch verstärkt haben. Der Chor hätte auch etwas – nun ja: spritziger sein können. Bei der Choreographie des Chores kommt die oben erwähnte Theodora vom Gyndebourne-Festival 1996 wieder ins Spiel. Wer die gesehen hat (gibt es auch auf DVD), der hat die Chor-Choreographie des Messias schon mal gesehen. Wenn man bösartig wäre, könnte man von einem Plagiat reden…

Die Sänger fand ich eigentlich alle ganz ordentlich. Abweichend zu dolas Urteil hat mit der Baß am besten gefallen, und den Counter fand ich am Ende etwas dünn. Aber wie das am Fernseher rüber kommt, hängt natürlich auch mit dessen akustischen Möglichkeiten zusammen, und die sind ja bei jedem unterschiedlich.

Unter dem Strich: Es hat sich nicht gelohnt. Die begeisterte Reaktion des Publikums ist mir unverständlich. Kennen die es nicht besser?


Ich werf' mir jetzt jedenfalls den Messiah mit der alten HIP-Mafia ein: mit Christopher Hogwood, Emma Kirkby, Paul Elliot, Judith Nelson, David Thomas, Carolyn Watkinson, dem Chor von Christ Church und der Academy of Ancient Music…

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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 20.04.2009, 08:37 
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Ich hab das Ding nicht auf arte - wo es wohl gekürzt wiedergegeben wurde - sondern aufm Ösi direkt gesehen. Generell bin ich kein Freund von "ich mach mal was, was noch keiner gemacht hat, WEIL es noch keiner gemacht hat", fand das Werk aber alleine wegen der musikalischen Interpretation höchst interessant! Es wurde ja viel "opernhafter" musiziert, als üblciherweise beim Messias! Darauf war ich gespannt und habe mich musikalisch dabei SEHR wohl gefühlt; die Musik Händels hat ein völlig ungewohntes Leben eingehaucht bekommen. Die Inszenierung - wenn sie denn sein muss - fand ich zumindest interessant. Ob das Schule machen wird, wage ich zu bezweifeln, weil die Puristen da schon davor sein werden. Als Experiment - das ja nicht zur Dauereinrichtung werden muss - war die Sache aber sehr gelungen!
Gruß und Kuss, der moderne musencus

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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 20.04.2009, 16:22 
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Zitat:
Es wurde ja viel "opernhafter" musiziert


hmmm...

kannst Du das mal etwas näher erläutern, wie Du das meinst?


TM Pestoso

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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 21.04.2009, 08:31 
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Lieber TM,
mit opernhafter meine ich, dass viel emotionaler und weniger "kirchlich" gerade musiziert wurde. (Langsame) Tempi, die im Konzert unvorstellbar wären, weil sie langweilig würden, aber in Verbindung mit der Darstellung eben doch interessant (sogar interessanter!) bleiben. Ich empfinde konzertante Aufführungen oft als etwas steril, gerade und fast akademisch. Das war hier gar nicht der Fall und die Musik gibt das ja völlig eindeutig her! Insofern fand ich dieses Werk sehr interessant!
Liebe Grüße
musencus

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 Betreff des Beitrags: Re: Messias am Ostermontag auf Arte
BeitragVerfasst: 08.05.2010, 21:44 
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ach, wie schön das es einen thread dazu gibt.
ich hatte es neulich auf 3sat gesehen, und war sehr angetan.
die sache gibt es übrigens auch bei youtube nach zu sehen:
hier
florian boesch hat mich besonders beeindruckt, aber auch richard croft.

meine erste live erfahrung mit dem messias war allerdings auch eher ernüchternd, bei jedem alt part ging ein hüsteln durch die zuschauermenge.

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