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Steven Grlscz
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Verfasst: 09.05.2006, 15:56 |
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| junges Mitglied |
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Registriert: 01.05.2006, 10:31 Beiträge: 45 Wohnort: München
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Damit sind wir [theoretisch] im Bereich des Geschmacks gelandet, könnte man meinen - allerdings ist mir praktisch völlig unklar, in welchem so genannten "klassischen" Repertoire eine Stimme ohne jegliches Vibrato eingesetzt werden soll. Spätestens ab Monteverdi ist "nur kerzengerade" nicht nur kaum auszuhalten, sondern einfach insuffizient.
Etwas völlig anderes ensteht durch die Option der gesunden und gut gebildeten klassischen Stimme, einzelne Töne oder Phrasen vibratolos zu singen: das ist ein Ausdrucks- und meinetwegen auch Stilmittel.
Der stangerlgeraden Kinderstimme die Quintenschleuder als relativierendes Element gegenüber zu stellen ist beliebt, polemisch zulässig, aber inhaltlich kaum hilfreich: nur weil das eine kein Hörvergnügen ist, erhöht es kaum die Qualität des anderen. Abgesehen davon muss eine vibratofreie (oder -arme) Stimme unglaublich sauber singen, um ihrerseits erträglich zu sein. Berühmtes Beispiel: Gundula Janowitz. Für manchen Gipfelpunkt seraphischen Wohlklangs, für mich nur in manchen Rollen gut anzuhören - und selbst in vielen Aufnahmen fortwährend in der "intonatorischen Diskussionszone", um es mal euphemistisch auszudrücken.
_________________ "Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt." [Oscar Wilde]
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cantilene
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Verfasst: 09.05.2006, 17:38 |
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Lieber Steven, ich gebe Dir ja Recht, dass eine ganz vibratolose Stimme entweder einreines Naturprodukt oder, wenn ausgebildet, eben eine mangelhaft ausgebildete Stimme ist-ob absichtlich oder nicht sei mal dahingestellt. Und ich möchte auch von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, keine vibratolosen Stimmen auf der Bühne hören.
Was allerdings die Ausnahmen angeht, da stimme ich Fliu zu: es gibt eine Art von Stimme, die durch einen so ätherischen, körperlosen Klang besticht, dass das in mir wirklich starke Emotionen auf einer spirituellen Ebene auslôst. Und solche Stimmen geniesse ich in alter Musik oder in ganz einfachen Volksliedern. Ich finde das ienfach be-und entrückend,wie ein bisschen verlorenes Paradies.
Verstehst du, was ich meine? Ich würde es mir wünschen!
Kennst du das Miserere von Gregorio Allegri? dort gibt es iene Oberstimme, die bis c3 singt. Wenn diese von einer solchen Stimme gesungen wird, hebe ich wirklich ab und höre die Engel im Himmel. :love:
Aber das hat nichts mit der Opernbühne zu tun, selbst ein Amor oder eine Damigella bei Monteverdi kann heute nicht mehr so singen,bestenfalls noch die drei Knaben in der Zauberflöte.
Und nochmal zu dem "schlanken" Klang zurückzukommen. Wenn eine grosse und schwere Stimme sich so verschlanken kann, wie du es idealerweise anmahnst, ist das in Ordnung für mich . Oft können sie das aber nicht und dann ziehe ich eine von Natur aus leichtere Stimme im Barock eben ganz einfach vor, weil sie weniger Probleme hat, schlank zu klingen und trotzdem den Schönklang nicht zu verlieren.
Vielelciht herrsct auch mal wieder eine leichte Begriffsverwirrung was nun schlank, rund, leicht und schwer sein soll.
Ist mit Worten eben immer SEHR schwierig zu beschreiben.
Lieben Gruss
Cantilene
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Dola1
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Verfasst: 09.05.2006, 17:41 |
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Hallo, zusammen,
seltsam, dass latent immer wieder ein Konflikt zwischen den "schweren" und "leichten" Stimmen schwelt.
Lieber steven,
rein physikalisch geht "vibratofrei" ja gar nicht. Jeder Ton hat ein Minimum davon. Und ich sehe das so wie du: Wer versucht, es komplett zu unterdrücken, klingt einfach irgendwie furchtbar. Ich habe mich vor Jahren mal in einem Chor vorgestellt, der so singt und habe mich bei dem Vorsingen interessierterhalber darauf eingelassen, das so weit wie möglich mal zu versuchen und es war selbst dann, als ich meinte nur noch mit einem Viertel Stimmband zu singen, dem Chorleiter immer noch zu viel. Gehts noch?
Liebe Canti,
Hupende und Flötende, Säuselnde und Terzenschleudern: Das sind doch alles Dinge, die dann auftauchen, wenn die Technik nicht stimmt, die Leute krank sind oder sonst was fehlt. Manchmal wundert es sehr, wer da alles so gehypt wird, gerade in diesem Klassik - Modebereich. Und was - letztlich ja auch mein - Altfach anbelangt, da heißt ja manchmal schon, dass wir eigentlich ausgestorben sind (habe ich echt mal gelesen  Pest!!  )
Und da bin ich, auch wenn absolut unzulänglich, doch lieber wagnersingendes Urviech mit Ausflug zu Händel, Bach, Pergolesi, als kastriert.
Ein großes Vorbild ist die genannte Sarah Mingardo und die hat neben den Kolleraturen auch ein Riesen - Opernrepertoire. Das Wasser reichen kann ich ihr allerdings selbstverständlich nie.
Liebe Grüße,
dola
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Orphenica
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Verfasst: 09.05.2006, 22:34 |
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cantilene hat geschrieben: Was die "hupenden" Altistinnen angeht, sind die mir leider schon begegnet, wobei ich sie immer noch besser ertrage als die "kastrierten" Counters, zumindest weiss ich noch, dass da eine Frau singt und nicht ein künstliches Zwitter-Wesen Einspruch, Euer Ehren  Hast du schon mal Andreas Scholl gehört? Ich gebe zu, es gibt unerträglich Counters, aber Andreas Scholl singt einfach göttlich, habe ich auch schon live erlebt. cantilene hat geschrieben: Liebe Orphenica, Simone Kermes habe ich schon öfter im Rheinland auf Konzert-Programmen gelesen. sie scheint in dieser Gegend sehr aktiv zu sein. Ich kam selbst aber noch nicht in den Genuss. :sad: Annette Dasch kenne ich leider nicht, aber ich habe mal Dorothea Röschmann gehört und ihre stimme hat mir auch sehr gefallen mit Händel-Arien.
Dorothea Röschmann ist hier in Hamburg auch bekannt, aber nur noch selten live zu hören. Das Weihnachtsoratorium mit ihr vor 2 Jahren habe ich leider verpasst - normalerweise kann sich wohl auch keine Kirche mehr eine Sängerin vom Kaliber und Bekanntheitsgrad einer Röschmann leisten, das war wohl eher ein Freundschaftsdienst ihrerseits :love:
Aber um noch mal auf HIP-HAP, kleine Ensembles und schlanken Klang zurückzukommen:
Kürzlich habe ich noch mal Cantus Cölln live erlebt. Mir fiel auf, dass Winfried Jochens, einer der beiden Tenöre, doch klanglich etwas rausfiel durch ein zu starkes Vibrato im Gegensatz zum Rest des Ensembles. Es klang - wie soll ich sagen - exaltiert? manieriert?, jedenfalls unpassend. Es kann aber auch sein, dass er entweder alt geworden ist oder einen schlechten Tag hatte. Bei einem früheren Konzert fand ich nämlich gerade ihn ganz hervorragend.
Ein Ensemble / Chor ist eben etwas anderes als Sologesang - Steven hat es weiter oben beschrieben. Beim Ensemble erwartet man eine gewisse Ebenmäßigkeit im Klang, zu exponierte Stimmen fallen da unangenehm auf, wobei derselbe Sänger/Sängerin als Solist sehr überzeugend sein kann.
LG, Orphenica

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cantilene
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Verfasst: 10.05.2006, 07:17 |
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Liebe Orphenica, ich finde auch, dass Andreas Scholl sehr gut singt.
Mein problem mit den Counters ist ja nicht(nur) der Klang, sondern vor allem etwas Psychologisches.
Ich ertrage es einfach nicht, einen MANN mit einer solchen Stimme zu hören, auch wenn ich die sängerische Leistung intellektuell durchaus sehr anerkennen und bewundern kann.
Gegen die emotionale Abwehr bin ich machtlos und ich höre einfach viel lieber Altistinnen in diesen Partien.
Lieben Gruss Cantilene 
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EmmyNoether
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Verfasst: 10.05.2006, 08:09 |
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Hui, cantilenes Amsterdambesuch zieht ja eine lange Schleppe nach sich, Seite 4 inzwischen!
Steven Grlscz hat geschrieben: Die Pioniere der "historischen Aufführungspraxis" sind ansonten ohne Zweifel verantwortlich für verdienstvolle Neuerungen im Kanon der Aufführungspraktiken.
Genau. Sicher klang vieles an HIP-HAP am Anfang so spöde und kratzig, daß es auch Liebhaber dieser Praxis heute so nicht mehr hören möchten. (Ich denke, man muß es auch als Antwort auf die Musizierpraxis der 60er-Jahre sehen.) Aber es hat doch dazu geführt, daß die konventionelle Praxis entrümpelt und entromantisiert wurde, im Chorbereich hat sich das unbestritten (?) segensreich ausgewirkt. Und so gibt es heute "konventionelle" Bachaufführungen, welche sowohl die Liebhaber der einen als auch der anderen Praxis genießen können. (HIP-HAP-Fanatiker, die meinen, dies sei die einzig richtige Art z.B. Bach zu spielen, schließe ich ausdrücklich aus.) Dann sollte man auch nicht aus den Augen verlieren, daß sich HIP-HAP auch weiterentwickelt hat. Dieses absolut schräge, absolut vibratolose Gekratze, das macht doch heute kein Mensch mehr, oder doch? Ich meine, wenn man kein Hardliner der konventionellen Praxis ist, welcher alles an HIP-HAP kategorisch ablehnt, müßte doch vieles ohne Nervenzusammenbrüche und Ohrenkringeln anzuhören sein. Es muß ja deshalb noch lange nicht dem eigenen Geschmack entsprechen. Jedenfalls meine ich, daß sich beide Arten des Musizierens längst ein Stückchen entgegengekommen sind. Steven Grlscz hat geschrieben: Der stangerlgeraden Kinderstimme die Quintenschleuder als relativierendes Element gegenüber zu stellen ist beliebt, polemisch zulässig, aber inhaltlich kaum hilfreich
Das hat Fliu, auf welche Du Dich beziehst, nicht getan. Sie stellte eine vibratolose Stimme einer Terzenschleuder gegenüber. Ich glaube zu verstehen, was sie meint. In meine Sprache übersetzt: vibratoarme, knabenhafte Stimmen gefallen MIR besser als sehr voluminöse Stimmen mit starkem Vibrato. Einfach vom Stimmklang her. (Daß erstere für eine Verdi-Oper völlig verkehrt wäre, dürfte kein Streitpunkt sein...) In einigen Posts klang an, daß diese vibratoarmen, knabenhaften Stimmen mangelhaft ausgebildet sind. Mal angenommen, das wäre so. (Mir fehlt die Kompetenz, dies zu beurteilen, und es ist auch nicht das, worauf ich hinaus will.) Ja, und??? Wenn es doch genügend Publikum gibt, welches genau solche Stimmen hören möchte! dola hat geschrieben: seltsam, dass latent immer wieder ein Konflikt zwischen den "schweren" und "leichten" Stimmen schwelt.
Das wird wohl oft daran liegen, daß etliche Sänger ihre Stimme bzw. sich verunglimpft sehen und daß über Geschmacksfragen (welche Stimme gefällt mit welcher Literatur?) eben doch gerne gestritten wird. cantilene hat geschrieben: es gibt eine Art von Stimme, die durch einen so ätherischen, körperlosen Klang besticht, [...] Kennst du das Miserere von Gregorio Allegri? dort gibt es iene Oberstimme, die bis c3 singt. Wenn diese von einer solchen Stimme gesungen wird, hebe ich wirklich ab und höre die Engel im Himmel.
Ja, cantilene, ja, ja, ja! So wun-der-schön ist das. Und Marin Marais, welchen Du irgendwo erwähntest, hat auch Blockflötenkonzerte, welche machen, daß ich dahinschmelze. Orphinica hat geschrieben: Andreas Scholl singt einfach göttlich
Ja!!!!!!!!! Dowland. Ach... Zitat: Ein Ensemble / Chor ist eben etwas anderes als Sologesang Beim Ensemble erwartet man eine gewisse Ebenmäßigkeit im Klang, zu exponierte Stimmen fallen da unangenehm auf, wobei derselbe Sänger/Sängerin als Solist sehr überzeugend sein kann.
Ja, und diesbezüglich fand ich Cantus Cölln immer sehr überzeugend. (Bzw.: ich bete sie an...) Hab' sie allerdings nicht live gehört.
Kürzlich war ich in einem Konzert der "Singer pur". Toller Ensembleklang!
Aber ich habe gedacht: rein als Solisten könnten sie nicht so glänzen.
Jedes Ding an die richtige Stelle!
Gruß v. Emmy
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cantilene
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Verfasst: 10.05.2006, 10:18 |
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Liebe Emmy, da wir schon irgendwie seelenverwandt zu sein scheinen :love: , muss ich Dir noch etwas zu Marin Marais erzählen.
Es gibt einen kleinen aber sehr feinen Roman von Pascal Quignard "Tout le matin du monde", der über Marins Lehrzeit bei seinem Gambenlehrer und Meister Mr de Sainte Colombe erzählt.(ich weiss nicht, ob der Roman in deutsch erschienen ist, es gibt aber eine tolle Verfilmung mit Gerard Depardieu)
All die wunderschöne Melancholie in dieser Musik erklärt sich für mich in einem Satz.Seine geliebte Frau ist gestorben und für ihn bricht die Welt zusammen.Er bleibt sein Leben lang untröstlich und dann stehen da folgende Satze(sie ist 12 Jahre tot):
Les larmes glissaient sur ses joues.Il murmura: "Je ne sais pas comment dire: douze ans sont passé mais les draps de notre lits ne sont pas encore froids"
in deutsch:
Die Tränen liefen ihm die Wangen herunter;er flüsterte: "Ich weiss nicht, wie ich es sagen soll. Zwölf Jahre sind vergangen, aber unser Bett ist immer noch warm."
Also wenn ich das lese, höre ich die Musik nochmal ganz anders.....
Ganz lieben Gruss
Cantilene
Schön, dass mein Amsterdam-Besuch solche Wirkung hier hat! 
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Steven Grlscz
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Verfasst: 10.05.2006, 10:34 |
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| junges Mitglied |
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Registriert: 01.05.2006, 10:31 Beiträge: 45 Wohnort: München
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EmmyNoether hat geschrieben: Steven Grlscz hat geschrieben: Der stangerlgeraden Kinderstimme die Quintenschleuder als relativierendes Element gegenüber zu stellen ist beliebt, polemisch zulässig, aber inhaltlich kaum hilfreich
Das hat Fliu, auf welche Du Dich beziehst, nicht getan. Sie stellte eine vibratolose Stimme einer Terzenschleuder gegenüber. [...] Wenn es doch genügend Publikum gibt, welches genau solche Stimmen hören möchte!
Liebe Emmy, natürlich spricht Fliu nicht von einer Kinderstimme, aber die von ihr benutzte Gegenüberstellung ist eine durchaus polemische - ebenso wie meine Zuspitzung, die eine vibratofreie Stimme zur "stangerlgeraden Kinderstimme" erklärt. Wollen wir diese rein rhetorischen Kniffe jetzt wirklich diskutierend vertiefen?
Rätselnd stehe ich allerdings vor dem "Publikums-Argument": es gibt einen Haufen Menschen, die haben "Modern Talking" geliebt, stehen auf Nicole, die Wildegger Herzbuben und/oder Patrick Lindner. Nur - bedeutet das irgendetwas - außer dass es heute beinahe für alles einen Markt zu geben scheint?
Um Gottes Willen, Emmy: ich plädiere doch nicht für die Notschlachtung aller vibratofreien SängerInnen. Von mir aus soll jeder singen, wie er (oder sie) möchte - schließlich muss ich mir nicht alles anhören! Ich will auch niemanden diskriminieren, der's gerne vibratolos hat *aufgeregtgenCantilenewink*, aber ich persönlich empfinde einen solchen Klang als völlig unsinnlich, uninteressant - und tatsächlich auch als potentiell ungesund: das Vibrato ist durchaus auch ein Zeichen stimmlicher Lockerheit.
Abschließend (und erneut in aller Deutlichkeit): ich spreche vom klassischen Solo-Kunstgesang und von nichts anderem. Innerhalb dieses Bereiches aber - verzeiht meine scheinbare Anmaßung - glaube ich doch, letztlich mehr als nur eine persönliche Einstellung zu vertreten. Da brauche ich den von Eric bei gesang.de zu Tode zitierten "internationalen Klangstandard" gar nicht zu bemühen, dessen engere und weitere Definition mich und uns in diesem Zusammenhang nicht interessieren muss. Letztendlich geht es nicht einmal um einen Gegensatz zwischen schwerer und leichter Stimme - nur um die Notwendigkeit eines lockeren natürlichen "Mindestvibratos"
_________________ "Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt." [Oscar Wilde]
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EmmyNoether
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Verfasst: 10.05.2006, 13:17 |
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Steven Grlscz hat geschrieben: Rätselnd stehe ich allerdings vor dem "Publikums-Argument": es gibt einen Haufen Menschen, die haben "Modern Talking" geliebt, stehen auf Nicole, die Wildegger Herzbuben und/oder Patrick Lindner. Nur - bedeutet das irgendetwas - außer dass es heute beinahe für alles einen Markt zu geben scheint?
Gut, ich sage, was Du hören möchtest: das bedeutet noch lange nicht, daß es gute Sänger sind. Du und ich, wir zwei beide, wir stellen uns ganz einträchtig hin, etwas erhöht, schauen aufs Volk und schütteln die Köpfe, wundern uns - aber nicht so sehr! -, gucken uns kurz an und ziehen ein wenig resigniert von dannen. Irgendwo da ganz hinten trennen sich unsere Wege, jeder geht den seinen. Und ich? Ich bin ganz ruhig, denn ich weiß: die vibratofreien Sänger beider Geschlechter entgehen der Notschlachtung durch Steven, und so werden wohl auch die Wlldegger Herzbuben mit Nicole weiterleben und die Menschen fröhlich machen dürfen. Zitat: - und tatsächlich auch als potentiell ungesund: das Vibrato ist durchaus auch ein Zeichen stimmlicher Lockerheit.
Als Zuhörer (!!!) interessiert mich das zunächst gar nicht. Wenn's nicht gequetscht, unsauber oder sonstwie deformiert klingt. (Kastriert macht nix...) Zitat: Letztendlich geht es nicht einmal um einen Gegensatz zwischen schwerer und leichter Stimme - nur um die Notwendigkeit eines lockeren natürlichen "Mindestvibratos"
Wie gesagt: über Technik kann ich nicht diskutieren, ich bin schlicht und ergreifend nicht kompetent.
Wieviel Vibrato aus wieviel Lockerheit folgt, weiß ich niicht. (Falls der Zusammenhang proportional ist, möchte ich nur darum bitten, die Lockerheit stark zu beschränken, falls der Gesang auch für mich gedacht ist.)
Habe ich es erwähnt?
I.d.R. höre auch ich lieber als vibratofreie Stimmen solche mit einem kleinen Vibrato. Stimmen, die für mich frei klingen.
Nur: was ist nichts, was ist klein, was ist groß und wo fängt zu groß an?
@cantilene
Ja, es scheint eine große Schnittmenge der Musik zu geben, die sowohl mir als auch Dir gefällt.
Ich habe allerdings das Gefühl, daß Du vieles kennst, von dessen Existenz ich nicht einmal eine Ahnung habe...
Marin Marais: ich weiß über ihn so gut wie nichts.
Ich schau mal, ob es den Roman auf deutsch gibt, mein Französisch ist lang, lang her.
M.Marais ist mir ursprünglich ganz zufällig begegnet auf einer CD, die von einem Ensemble eingespielt wurde, dessen Leiter zu meiner Kinderzeit bei uns im Mehrfamilienhaus gewohnt hat, und die ich nur deshalb gekauft hatte. Welch ein Glück!
Die Geschichte zur CD:
Ja, als ich klein war, wohnte bei uns im Mehrfamilienhaus ein Ehepaar, beide studierten Musik, er Klavier und sie Blockflöte. Die beiden übten furchtbar viel. Meine Eltern sind ja sowieso der Klassik eher abhold, und Überei ist sehr oft unerfreulich anzuhören, ganz besonders aber, wenn man kleine Kinder abends zu Bett bringen und endlich einmal seine Ruhe haben möchte. (Heute kann ich das nachvollziehen.) Mehrmals kam es vor, daß der gegen die Zimmerdecke gestoßene Besenstil nichts bewirkte. Da wurden dann meine Schwester und ich unter den Arm geklemmt und hochgeschleppt als lebende Begründung für das nun folgende Donnerwetter. Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, ich sehe es aber noch wie heute vor mir...
Geschadet hat's den beiden zum Glück nicht. Er ist immerhin Professor geworden. (Lajos Rovatkay, Hannover. Falls ihn jemand kennt, bitte grüßen und ihm sagen, daß es eine gibt, die ihm Marin Marais zu verdanken hat.)
Es grüßt Euch leicht vibrierend und plötzlich sehr eilig
Emmy
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Dola1
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Verfasst: 10.05.2006, 17:15 |
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EmmyNoether hat geschrieben: Wie gesagt: über Technik kann ich nicht diskutieren, ich bin schlicht und ergreifend nicht kompetent. Wieviel Vibrato aus wieviel Lockerheit folgt, weiß ich niicht. (Falls der Zusammenhang proportional ist, möchte ich nur darum bitten, die Lockerheit stark zu beschränken, falls der Gesang auch für mich gedacht ist.)
Liebe Emmy,
DAS würde ich mit Sicherheit nicht machen, auch nicht, wenn ich wüsste, dass du zuhörst.
Liebe cantilene,
mit den Counters ist das eine ambivalente Sache. Einerseits nervt es, dass sie in u.a. meinem Revier herumwildern und Konkurenz machen (was nur bedingt mit Gegenwildern gekontert werden kann - manchmal gehts :razz: :grin: ), aber einige, wie z. B. Scholl klingen echt gut, stellen auch einen sehr gaubwürdigen Orpheus dar und ich persönlich habe einen gewissen Spass daran, wenn Männer oder Frauen mal aus ihrem Rollenverhalten heraushüpfen. Wenn es eben gut gemacht ist und nicht aufgesetzt wirkt.
Eine solche stimmliche Begegnung der dritten Art mit einem Counter hatte ich mal bei einem Tonkünstlerverbands - Konzert, wo wir uns eigentlich nur zufällig nicht mit dem gleichen Repertoire in die Quere gekommen sind. Ich habe die ultratiefe Arnalta (Monteverdi, Poppea) gesungen und er das wesentlich höhere Lascia chìo Pianga von Händel. Das Publikums fand es recht spannend. Er hat übrigens in einem Musical - Teil dieses Konzertes in baritonaler Lage gesungen und ich fand, abgesehen von noch nötigen technischen Lernerfordernissen, dass bei beiden Varianten etwas da war, wo man sagen kann, dass dies werden könnte. Für ihn war ich aber witzigerweise seltsamer als umgekehrt.
Technisch sind solche Überschneidungen allerdings gar nicht so abwegig, denn ich gehe davon aus, dass sowohl in Männer- als auch in Frauenstimmen meist mehr steckt, als man denkt. Es ist z. T. eine Frage dessen, ob man jeweils die Brust- bzw. Kopf/(Falsett?)- Resonanzen, die man hat, auch trainiert und zum Einsatz bringt.
grüße,
dola
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cantilene
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Verfasst: 10.05.2006, 18:32 |
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Liebe Emmy, das Leben ist wirklich eine Wundertüte!
Du kommst durch den "nervenden" Nachbarn zu Marin Marais, ich durch einen Roman, den man mir zufällig zu Weihnachten geschenkt hat.....Und wir beide treffen uns dann hier in Internet!
Das mit dem ungesunden "Nicht-Vibrato" bei ausgebildeten Stimmen: aus eigener Schüler-Erfahrung würde ich Steven da wirklich Recht geben.
Ich hatte anfangs null Vibrato und klang wirklich sehr mädchenhaft gerade. Im Laufe der Ausbildung hat sich mein Vibrato proportional zu gutem technischen Unterricht völlig unbewusst und natürlich entfaltet.
Ich habe nie darauf hingearbeitet, es war plötzlich da wie die Triller, die ich vorher zwanghaft geprobt habe und nicht konnte.
Ich glaube, das ist wirklich eine Frage der Lockerheit und natürlichen Entwicklung im Rahmen gesunder Technik.
Mit anfangs schlechterem Unterricht kam da nämlich etliche Jahre nichts und ich habe mich immer gewundert, warum Andere das hatten und ich nicht.
Ich weiss nicht, was den Ausschlag gab, in jedem Fall passierte es bei meiner jetzigen Lehrerin und da es sehr gemässigt ist und weit entfernt von Quintenschleider etc, bin ich glûcklich und zufrieden.
Dieses Vibrato zu unterdrücken, wäre dagegen eine sehr bewusste und auch "gezwungene" Handlung gegen den natürlichen Prozess.
Dies aus Schüler-Sicht und ohne Profi-Anspruch erklärt.
Aber wie ich ja gesagt habe: ich mag in MANCHEN Fällen vibratolose Stimmen sehr und sehr viel Vibrato(ich spreche noch nicht von Tremolo oder gar Quintenschleuder) mag ich eher nicht, auch nicht in der grossen Oper. Das scheint mir nämlich auch nicht mehr gesund zu sein sondern eher eine zunehmende Verschleisserscheinung.
Liebe Dola, hast Du dieses tolle Schlaflied der Arnalta, das sie für Poppea singt, gemeint????? Du glaubst nicht, wie ich das liebe, und ich wünsche mir, dass du es mir mal unter uns vorsingst!  Ich habe das mal von einem Mann in der KÖlner Philharmonie, Regie René Jacobs ,gehört-nein, wie habe ich mich nach einer echten weiblichen Altstimme gesehnt!!!!!
Die Counters kämen Dir niemals ins Gehege, wenn ICH was zu sagen hätte!
Ich habe ja nichts gegen Travestie und auch nichts gegen ihre oft tolle stimmliche Leistung.
Aber ein Mann mit Kastratenstimme ist mir einfach ein Graus und wird es ewig bleiben.
Lieben Gruss
Cantilene 
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EmmyNoether
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Verfasst: 11.05.2006, 07:49 |
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cantilene hat geschrieben: ...Ich hatte anfangs null Vibrato und klang wirklich sehr mädchenhaft gerade. Im Laufe der Ausbildung hat sich mein Vibrato proportional zu gutem technischen Unterricht völlig unbewusst und natürlich entfaltet. Ich habe nie darauf hingearbeitet, es war plötzlich da wie die Triller, die ich vorher zwanghaft geprobt habe und nicht konnte. Ich glaube, das ist wirklich eine Frage der Lockerheit und natürlichen Entwicklung im Rahmen gesunder Technik.
Hallo und guten Morgen,
daß ein echtes Vibrato nur bei einer lockeren Stimme entstehen kann, ist mir "rein gefühlsmäßig" schon klar.
(Neben dem, was ich "echtes Vibrato" nenne, gibt es ja noch etwas anderes, etwas, das so ähnlich ist, wie wenn ich mich hinstelle und "große Oper" spiele. Ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine. Das hat mit "locker" überhaupt nichts zu tun.)
Für MICH ist es mit Sicherheit ein Meilenstein der stimmlichen Entwicklung gewesen, als sich eines Tages bei mir völlig unabsichtlich und ungebeten ein Vibrato einstellte.
Es kam (völlig ohne Ausbildung) einfach so beim Deutschen Requiem, in das ich mich emotional tief hineingesteigert hatte. Ich denke, dieser Zustand im Verein mit der recht intensiven Stimmbildung hat etwas bewirkt, und meine Stimme (mein Laienchorstimmchen) fühlt sich seitdem wirklich angenehmer an.
Nicht klar ist mir, ob eine gesunde, lockere Stimme zwangsläufig mit einem Vibrato versehen ist. Ob also vibratofreie Solosänger mangelhaft sind in dem Sinne, daß sie sich auf Dauer schaden.
Gruß v. Emmy
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Dola1
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Verfasst: 11.05.2006, 16:56 |
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hallo, cantilene,
es war leider nicht das Schlaflied, aber ich ahbe es im Visier, wird bis zu unserem nächsten (ersten) Zusammentreffen sitzen. Damals habe ich "hoggi, hoggi, sera Poppea..." gesungen. hat Spassfaktor :grin:
Liebe Emmy,
wie schon gesagt, ganz ohne Vibrato (nicht zu verwechseln mit dem - schädlichen - Tremolo) geht es nicht. Ob man es merkt, bleibt die Frage. Auch die geradeste Stimme schwingt irgendwie. Auf jeden Fall bemerbar wird es bei langen Tönen, weil die Stimmbänder, ähnlich wie ein Muskel, nicht ewig die Anspannung aushält, sondern mal nachgeben muss. Das band gibt eben auch automatisch nach und spannt aber gleich wieder an. Kein Mensch kann das vermeiden. Wichtig ist, die Kontrolle über das Vibrato zu behalten, um die extrem unschönen Ausschläge in beide Richtungen (Eiern oder Abquetschen) zu verhindern und ferner, um stilgerecht zu modifizieren. ( Ehrlich gesagt: Kannst du dir andererseits eine/n Wagner/Verdi- SängerIn ohne (merkbares, nicht terzenschaukelndes) Vibrato vorstellen? Kann doch nicht sein). Das müssen Solisten auch können, auch bei eigenwilligem Stimmklang.
Grüße,
dola
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EmmyNoether
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Verfasst: 11.05.2006, 18:02 |
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dola hat geschrieben: Ehrlich gesagt: Kannst du dir andererseits eine/n Wagner/Verdi- SängerIn ohne (merkbares, nicht terzenschaukelndes) Vibrato vorstellen?
Nein, dola, natürlich nicht!
Ich würde auch meine "Lieblingsstimmen", die ja ein kleines, hörbares Vibrato haben, nicht Verdi singend hören wollen.
Mal angenommen, sie täten es doch: sehr viel würde ich davon vermutlich nicht zu hören bekommen! Denn daß an der Oper dieser "Klangstandard" (müssen wir nicht genau definieren, oder?) herrscht, daß mit viel Vibrato und Volumen gesungen wird, hat ja durchaus Gründe: die sehr großen, lauten Orchester und die Räume, welche eben keine englischen Kathedralen sind.
Gruß v. Emmy
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