Als ich mich entschieden habe, Gesangsunterricht zu nehmen, bin ich völlig unvoreingenommen zur ersten Stunde gegangen.
Ich habe sehr schnell gemerkt, dass mein Lehrer sehr konkret auf mich und meine Phantasie eingeht. Das bedeutet, es gibt Bilder, die allen anderen Schülern vielleicht helfen können, aber bei mir überhaupt nichts bewirken. Dann setzt die Kreativität meines Lehrers ein und er hat bisher immer etwas gefunden, so dass die zu vermittelnde Technik mittels eines Vorstellungsbildes verständlich wurde.
Weiterhin schätze ich es ausserordentlich, dass die Ohren unbestechlich sind. Ich kann nicht schummeln - er merkt alles...
Die Literaturauswahl ist in meinen Augen ein ganz besonders wichtiges Thema. Ich kann für mich rein persönlich sagen, dass es Bereiche gibt, zu denen ich überhaupt keinen Zugang finde. So schön andere Sänger/innen mir auch z.B. Schubertlieder präsentieren, so wenig kann ich mich in diese Texte hineinversetzen und genau dies habe ich auch geäussert und ich musste noch nie etwas singen, nur weil mein Lehrer es schön findet. Er schlägt vor und ich weiss, dass ich auch Nein sagen kann. Und das erleichtert mich ungeheuer. Nichts ist so schlimm wie die Anforderung Gefühle zu singen, die man selber nie gefühlt hat und sie sich gar nicht vorstellen kann.
Meine Schwester hat das während ihrer Gesangsausbildung immer wieder erlebt und hat darunter sehr gelitten. Sie meint heute sogar, dass sie das mindestens 2 Jahre an Entwicklung gekostet hat, denn sie hat an diesen Stücken lange gearbeitet ohne wirklich einen Zugang zu erhalten.
Ausserdem halte ich es für eminent wichtig, dass man als Schüler alle Fragen stellen kann. Es sollte eigentlich unnötig sein, so etwas zu erwähnen aber ich weiss, dass es längst nicht bei allen Lehrern gewünscht ist. Mit einem "Mach, was ich sage!" könnte ich nicht leben...
Und dann noch ein letzter Punkt zum Thema Offenheit. Ich habe mir vor Kurzem ein Herz gefasst und meinen Lehrer gebeten, mir ganz offen zu sagen, wenn er das Ende der Ausbaustrecke erkennt. Klartext: Da ich das Singen als Hobby betreibe, keinerlei ehrgeizige Ambitionen habe und ich mir der Begrenztheit meiner "Begabung" bewusst bin, möchte ich auch ganz deutlich gesagt bekommen, wenn die optimale Ausnutzung meiner Fähigkeiten erreicht ist. Dann kann man immer noch überlegen, ob man weitermacht, um das Level zu halten, aber eine unnötige Quälerei sollte auf beiden Seiten (auch die Ohren eines Lehrers haben Gefühle...

) vermieden werden. Ich fand es ganz toll, dass mein Lehrer so toll darauf reagiert hat und ich bin mir sicher, dass er mir sagen wird, wenn ich meine Grenzen erreicht habe. Ich empfinde es als Glücksfall, dass ich so offen mit meinem Lehrer reden kann. Dadurch steigt mein Respekt.
Die künstlerische Tätigkeit des Lehrers ist mir auch wichtig. Wenn man hören kann, dass das, was vermittelt wird, auch durch das eigene Tun gedeckt ist, fällt dem Schüler das Annehmen von Impulsen aber auch von Kritik leichter. Natürlich ist nicht jeder gute Sänger auch ein guter Lehrer, aber wenn ein Lehrer auch selber noch künstlerisch tätig ist, können die Schüler davon nur profitieren.