Ein paar Gedanken zur Verzierungspraxis:
Händel, Telemann, Vivaldi und andere Barockkomponisten werden verziert, und zwar mittlerweile erfreulicherweise gerne und reichlich. Barockkomponist Johann Sebastian Bach aber überhaupt nicht!
Rossini, Donizetti und Bellini werden verziert, früher Verdi dagegen nicht, obwohl diese Werke zur selben Zeit entstanden sind und stilistisch vergleichbar sind.
Musik aus dem 18. Jh. (Barock) wird verziert, Musik aus der 1. Hälfte des 19. (bel canto) auch. Dazwischen liegen Haydn und Mozart. Die verziert niemand, jedenfalls nicht so, wie die Musik davor und danach. Beethoven, Schubert und Weber (gleiche Zeit!) schon gar nicht. Und von Mendelssohn, der zur selben Zeit gelebt hat, wie Rossini, Donizetti und Bellini, ganz zu schweigen.
Aus welchem Grund? Wo bleibt die Logik hierfür?
Glauben wir, daß z.B. italienische Sänger in Italien im 19. Jh. Bellini tatsächlich anders gesungen haben als Verdi? Glauben wir, daß dieselben italienischen Sänger in Wien italienische Mozartopern anders gesungen haben, wie italienische Opern von z.B. Paisiello? Glauben wir, daß deutsche Sänger zu Begin des 19. Jhs. anders gesungen haben, als ihre Vorbilder aus Italien? Daß Bach im 18. Jh. anders gesungen wurde als Händel?
…grübel…
edit 10.06., 17:38
Ergänzung, damit es nicht so trocken bleibt.
Adelina Patti, eine de großen Belcantosängerinnen des 19. Jhs, voi che sapete, 1905:
http://www.youtube.com/watch?v=4EUwr_ii-x8würde sich heute jemand auch nur ansatzweise trauen, das so zu singen?