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 Betreff des Beitrags: Original oder Übersetzung ?
BeitragVerfasst: 12.06.2006, 14:35 
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Ich nehme die Rusalka - Diskussion zum Anlass, meine Gedanken zum Thema " Originalsprache " darzulegen, Ihr Lieben.

Natürlich habt Ihr grundsätzlich Recht, wenn Ihr für die Originalsprache plädiert. Schließlich hat der Komponist ein ihm vorliegendes Libretto in der jeweiligen Sprache vertont.
Janacek z. B. hat sich streng an der Melodik und dem Rhythmus der tschechischen Sprache orientiert. Hier wäre eine Übersetzung ins Deutsche ein Verrat an den Intentionen des Komponisten, bei anderen nicht, zumindest nicht in einem intolerablen Maße.
Zu meiner Zeit ( Hallo lucicare ! ) wurde ausnahmslos alles in Deutsch gesungen, was Musika bestätigen wird. Ich habe Guglielmo, Giovanni, Valentin, Barbier oder Marcello in der Übersetzung studiert und bis heute verinnerlicht. Der Monolog des Boris ( " Die höchste Macht ist mein, das sechste Jahr schon herrsche ich in Frieden " ), erschütternd interpretiert von Josef Greindl, hat mich zum Gesang gebracht.
Heute gibt es Über- und Untertitelung, zahllose Opernführer und käufliche Libretti, die den interessierten Opernbesucher " mitnehmen " in die Handlung. Tun sie das wirklich ? Habt Ihr mal einen " Barbier " im deutschsprachigen Raum im Original erlebt ? Die unzähligen Pointen verpuffen ohne Widerhall im Publikum, das sich beim Entziffern der Übertitel den Hals verrenkt und dadurch immer wieder vom Bühnengeschehen abgelenkt wird, besonders in den ersten ( teuren ! ) Parkettreihen.
Ein schön auf Linie gesungenes " Reich mir die Hand... " steht dem " La ci darem... " nicht nach, wenn es von einem charismatischen Giovanni vorgetragen wird.
Felsenstein, Begründer der Komischen Oper, wollte den Sängerdarsteller, der auch den gänzlich unvorbereiteten Arbeiter für die elitäre Gattung der Oper begeistern sollte. Dazu gehört natürlich, dass die Besucher der Handlung spontan folgen konnten, besonders bei den Rezitativen, die ja das Geschehen voran treiben.
Eine düstere Kehrseite der Originalsprachen - Medaille ist übrigens die Tatsache, dass z. B. Lortzings herrliche Opern kaum noch aufgeführt werden, weil die zumeist ausländischen SängerInnen mit der Originalsprache, die - wie in der Operette - zum Teil auch noch gesprochen werden muss, nicht zurecht kommen.
Fazit : Aus der Sicht des Publikums, das heute mehr dennn je umworben werden muss, ist die Wiedergabe in der jeweiligen Originalsprache, je nach musikalischer und sonstiger Bildung, eine Methode, die auch heute noch hinterfragt werden sollte - bei aller Begeisterung der polyglotten Interpreten für das Original ! :d_neinnein:
Ciao. Gioachino


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BeitragVerfasst: 12.06.2006, 16:58 
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Ich habe selbst bei Deutsch gesungenen Opern schon Übertitel erlebt - da mal nur am Rande. Weil wirklich verständlich ist es dann auch nicht immer bzw. Text geht massiv auf Kosten der Musik.

Es gibt sicher gelungene und weniger gelungene Übersetzungen. Reich mir die Hand mein Leben ist ein Paradebeispiel einer gelungenen Übersetzung!!! Habanera ist das genaue Gegenteil :roll:

Als Sängerin bevorzuge ich die Originaltexte, weil sie besser fließen und mit der Musik besser in Einklang stehen.

Als Zuhörer in der Oper muss ich gestehen, dass ich gar nicht auf die Sprache achte, weil ich nunmal viele Opern kenne und die Handlung nachvollziehen kann. Ich muss da nicht jedes Wort verstehen. Ich vermute mal, dass sich die meisten Opernbesucher eher auf die Musik konzentrieren.

Zum Thema "Opernanfänger" und Verständlichkeit folgende kleine Geschichte:
Meine Mutter wurde letztes Jahr von mir das erste Mal in die Oper geschleppt. Sie war ziemlich skeptisch, ob es ihr gefallen würde. In der Pause sagte sie dann mit Begeisterung, dass es toll sei und sie könne ja wegen der Übertitel auch alles nachvollziehen.
Wenn die Oper in Deutsch gesungen worden wäre, ohne Übertitel, hätte sie sicher nur die Hälfte mitbekommen und wäre nicht so begeistert gewesen (wir saßen aber auch im zweiten Rang und nicht auf den teuren Parkettplätzen ;-) )

LG
mezzo


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BeitragVerfasst: 12.06.2006, 19:28 
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Hallo,

das entspricht wohl jetzt nicht ganz der Einstellung, die eine Übersetzerin vielleicht haben sollte ;) : Mir gefallen auch die Originalversionen mit Übertiteln besser (naja, eigentlich ist die Einstellung vom übersetzerischen Standpunkt aus wohl doch ok, die Übertitel sind ja auch Übersetzungen) - bzw. in Wien haben wir die sog. Vilar-Titel, die gibts an der Met auch, kleine Schirme, die an den Lehnen der Sitze bzw. an den Geländern des Stehplatzes angebracht sind... ich habe nun allerdings vielleicht den Vorteil, dass ich, wenn ich etwas nicht verstehe und mal kurz schaue, gleich blitzschnell im Kopf die Originalversion "rekonstruiere" (ach so, auf Dt. heißt es so, dann muss es im It. so heißen)... allerdings muss ich ehrlich sagen, dass es z. B. für ältere Leute eher ungewohnt ist bzw. sie einfach nicht dauernd noch auf die Übertitel achten wollen... insofern muss ich Gioachino Recht geben. Wien macht es gut, finde ich, in der Staatsoper wird alles in Originalsprache gegeben, in der Volksoper ist dagegen bis auf die neueren Produktionen das meiste auf Deutsch - so kann man bei den da Ponte-Opern gleich lachen und nicht erst nach Lektüre der Übertitel/Vilar-Titel... und Rezitativ bleibt Rezitativ, das hat irgendwie seine Berechtigung auch auf Deutsch, weil es so spontan ist. Aber auch Mezzo hat Recht, alles versteht man auch bei Dt. Opern nicht... gottseidank gibts die Vilar-Titel auch für dt. Opern, bei Elektra z. B. (und überhaupt) ist ja alles so hoch, das wäre sonst total unverständlich :) ...

Ich gehöre einfach der Generation an, die die Opern schon in Originalsprache auswendig kennt, ich denke "La fleur que tu m'avais jetée" und nicht "Hier an dem Herzen treu geborgen"... aber ich finde, alles hat seine Berechtigung.

Lg operissima


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BeitragVerfasst: 12.06.2006, 23:47 
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Hallo,
danke gioachino für die Ausführungen.
Ich habe eine Lieblingsoper "Eugen Onegin". Die ist bekanntlich in russisch vertont. Ich habe sie bestimmt schon 10 mal gesehen und die Titelpartie mehr oder weniger gut einstudiert - in deutsch. Die Begeisterung ging anfangs so weit, dass ich bald russisch gelernt hätte - hab's nicht getan. Ich hab das Puschkinsche Original gelesen - natürlich in der Übersetzung, und das als Versroman. Faszinierend, dass auch im Deutschen sich Verse gebildet haben ! Kurz und gut ich habe mich mit dem Werk mit Hilfe der deutschen Sprache auseinandergesetzt und es lieben und schätzen gelernt. Vielleicht will ich das Original garnicht mehr kennen. Will keine richtige Deutung, denn ich habe diese Oper in deutscher Übersetzung erlebt und sie damit verinnerlicht. Soll ich mir dieses schöne Gefühl dadurch kaputtmachen, nur wegen einer eventuell falschen Übersetzung ? Ich habe "mein" Werk so akzeptiert, wie ich es in jungen Jahren erlebt habe und bleibe bei dieser Interpretation und Ausdeutung.
Ich habe selbstverständlich auch davon einige CD's auch in Originalsprache. Ich selbst könnte mir per Lautschrift die Partien vielleicht beibringen. Ist das dann Sinn der Sache ?
Ich befürchte dass ein Ausländer, der die Sprache nicht wirklich kann, sie zwar singt, aber sie nie so wird ausdeuten können, wie die Sprache es hergibt - er versteht sie ja nicht wirklich!
Es ist schon erstaunlich, wie viele Sänger italienisch "beherrschen"!

Ich selbst singe die Stücke in Originalsprache, soweit es französisch, englisch oder italienisch betrifft. Französisch und Englisch hatte ich auf der Schule. Italienisch zu singen macht super Spaß, ich weiss aber auch, dass ich hier wohl die Aussprache beherrsche aber nicht die Sprache. Die Sinnzusammenhänge erarbeite ich mir auf vielfältige Weise, um der Rolle selbstverständlich gerecht zu werden.

Zum Thema Lortzing kann ich Gioachino nur zustimmen, wer kennt seine Opern noch ? Ich selbst habe in einer Kurzoper von ihm mal auf der Bühne gestanden. Ein super nettes Werk "Die Opernprobe".
Der Wildschütz, Undine und Zar und Zimmermann, super Stücke, die es gilt mal wieder aufzuführen und/oder zu hören und zu sehen.

Übrigens Martha von Flotow oder Die lustigen Weiber von Windsor haben ein ähnliches Schicksal, wie die Lortzing Opern.

Liebe Grüße rugero.

_________________
Die Stimme, das für mich vollkommenste Instrument.


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BeitragVerfasst: 13.06.2006, 00:16 
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Hallo,
ich habe vor kurzem Così fan tutte in der Kammeroper auf deutsch gesehen - und es hat mir total gut gefallen, obwohl ich zunächst auch skeptisch war. Die Rezitative wurden gesprochen, insofern war man wirklich richtig in die Handlung reingezogen, auch die Arientexte konnte man gut verstehen. Wenn ich allerdings selber singe, bevorzuge ich auch die Originalsprache, zumindest bei Sprachen, die ich kann. Es ist schon ein Unterschied, ob man die Sprache singt, die der Komponist vertont hat, oder ob die Sprache nachträglich den Tönen zugeordnet wurde.

LG, Orphenica


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BeitragVerfasst: 13.06.2006, 00:40 
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Ich kann irgendwie beide Positionen verstehen. Aber die wirklich gelungenen Übersetzungen, die sich genauso angenehm wie das Original singen, sind doch eher selten. Und ich denke auch, dass die meisten Zuhörer die Oper hauptsächlich wegen der Musik besuchen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die deutsche Sprache daran schuld ist, dass Lortzing, Flotow usw. nur noch wenig gespielt werden. Zauberflöte, Entführung, die Strauss-Opern sind doch auch in deutscher Sprache und werden fleissig aufgeführt!

Ich habe übrigens mal die Fledermaus auf Englisch erlebt, das war echt bizarr! :n118: :gesterne


Gruss
lucicare :Sonne


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