Ja, diese Mitteilung kenne ich auch, wer sie nachlesen möchte, findet sie hier:
http://idw-online.de/pages/de/news381801Sie an Kulturdezernenten zu schicken, ist sicher eine gute Idee, es kann nur sein, daß es nichts bringt, weil die möglicherweise die methodischen Schwächen dieser Arbeit sehen.
Auch wenn es schwerfällt, das zuzugeben und ich es auch lieber sehen würde, wenn die Aussage dieser Publikation valide wäre: Das ist ein typisches Beispiel von selektiver Wahrnehmung, etwa nach der Art, daß bei Vollmond mehr Kinder geboren werden. Sie krankt nämlich daran, daß NUR solche Orte untersucht wurden, die seit etwa 200 Jahren ein Opernhaus haben. Somit fehlt die Kontrollgruppe. Man kann schließlich alles beweisen, wenn man alles weglässt, was die eigene Hypothese in Frage stellt. Was man auf diese Weise sieht, sind allenfalls Korrelationen, hier zwischen Wirtschaftskraft und Existenz eines Opernhauses. Eine Korrelation sagt aber noch nichts über Ursache und Wirkung aus. Die Aussage, daß in den Untersuchten Städten eine Oper steht, WEIL sie bereits damals Wirtschaftszentren waren (genauer: Herrschaftszentren) waren, ist mindestens ebenso zulässig, wie die Hypothese, daß beides: Existenz einer Oper und Wirtschaftskraft, die Folgen einer gemeinsamen Ursache sind, nämlich die Existenz eines verkehrsgünstig gelegenen Herrschaftszentrums.
Also nochmal: es fehlt die Kontrollgruppe, also Orte mit vergleichbaren Startbedingungen um etwa 1800, aber ohne Oper. Ein Beispiel für ein solches Paar wären Innsbruck und Bozen: Beide haben heute vergleichbare Wirtschaftskraft (und Einwohnerzahl), in Innsbruck stand das erste Opernhaus auf deutschsprachigem Boden, das seither ununterbrochen bespielt wird, in Bozen gibt es so etwas erst seit 10 Jahren, abgesehen von einem 25-jährigen Intermezzo von 1918-43. Zweites Beispiel: Schwetzingen und Mannheim. Beide mit Oper. Mannheim war bereits vor über 100 Jahren prosperierende Industriestadt, Schwetzingen ist bis heute mittelständisch geprägt, mit nur etwa 6-7% der Einwohner Mannheims. Was beweist uns das? Notabene: Schwetzingen wird in der zitierten Arbeit erst gar nicht erwähnt...
So schade es ist: Bei der Standortwahl von Firmen spielt die Existenz eines Opernhauses absolut keine Rolle, da geht es um Verkehrsanbindung, Vorhandensein von Rohstoffen und Absatzmärkten, unbürokratische Genehmigungsverfahren und billigen Steuern, Zölle und Infrastrukturkosten. Qualifiziertes Personal hat man sich zur Not schon immer von woanders geholt (z.B. Peter der GRoße Schiffbauer aus den Niederlanden, und auch hier in der Nähe gibt es eine Niederlassung eines großen internationalen Konzerns mit etwa 4500 Mitarbeitern, die vor ungefähr 3 Jahrzehnten gegründet wurde, damals in einem strukturschwachen, aber somit steuergefördertem Gebiet und billigem Gewerbeland. Das qualifizierte Personal kommt bis heute aus allen Teilen Deutschlands, der örtliche Arbeitsmarkt ist leergesaugt. Die Kultur kam erst hinterher, auch wenn es noch keine Oper gibt).