Zitat:
Ich weiß nicht, ob es an ihrem Alter (über 90) und ihrer Krankheit liegt, daß sie nun so enttäucht sagt, sie habe nie gerne auf der Bühne gestanden, und sie würde jedem Sänger abraten Gesang zu studieren, mit der Begründung, dies sei viel zu zeitaufwendig, vor allem im Opernfach.
Hallo michaelbzl
das ist jetzt zwar ziemlich off topic, aber ich finde diese Themenabweichung hochinteressant! Vieleicht verschiebst Du das als eigenen Thread, Musika?
Das, was Lisa della Casa sagt, ist, glaube ich, ein ziemlich weitverbreitetes Phänomen: daß sich viele an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben die Frage stellen, ob sie nicht besser etwas anderes gemacht hätten, als das, was sie tatsächlich gemacht haben.
Das ist wie eine Reise: Am Anfang, wenn sie jung sind, dann geht es flott dahin, alles ist neu und aufregend, es gibt immer wieder kleine lohnende Etappenziele, und sie freuen sich über das Tempo. Sogar wenn man eine Panne hat, kann man am Abend darüber erzählen. Mit der Zeit gewöhnen sie sich aber an die Landschaft und das Fahren und an das Tempo, und die Etappenziele sind vielleicht immer noch reizvoll, aber nichts aufregend Neues mehr. Die Reise wird zur Routine und vielleicht sogar zum Selbstzweck. Irgendwann fragen sie sich dann, wie denn die Fahrt verlaufen wäre, wenn sie an einem bestimmten Punkt ihrer Fahrt anders abgebogen wären, und statt in die Berge ans Meer gefahren wären. Dabei ist das Fatale, daß sie, wenn sie sich JETZT auf den Weg zum Meer machen würden, das nicht mehr erreichen werden. Da stellt sich dann nicht mehr die Frage, wie weit man gekommen ist, sondern nur noch, was hätte sein können, wenn man anders gefahren wäre. Es wird dann nicht mehr gesehen, daß andere gerne an dem Ort wären, den man auf seiner Reise erreicht hat, und jeden beneiden, der es AUF DIESER STRECKE so weit geschafft hat. Nur eines läßt sich dabei nie ausschließen, auch wenn sie es tatsächlich anders gemacht hätten: daß sie sich irgendwann diese Frage stellen werden, was denn gewesen wäre, wenn sie es anders gemacht hätten...
Meist sind das Menschen, die in mehr als einer Sache "gut" sind. Das prominenteste Beispiel ist eine literarische Figur: der Faust von Goethe. Der hat alles erreicht, was er als Wissenschaftler erreichen konnte: wissenschaftliche Reputation, Vermögen, Ansehen. Jetzt stellt er aber in der Osternacht-Szene fest, daß andere Dinge erreicht haben, die er nicht hat: Familie, Freunde, vielleicht auch erotische Abenteuer, einen Beruf, der sie - nach seiner Meinung! Er kann ja nicht in die anderen hineinsehen! - befriedigt und erfüllt. Das, was er erreicht hat und kann und weiß, das ist aber für ihn nur noch langweilige Routine, es ist keine Entwicklung mehr da. Mehr als das, was er bereits geschafft hat, wird es nicht mehr geben. Um da herauszukommen, versucht er nun krampfhaft, sich neue lohnende Aufgaben zu setzten... Populär ausgedrückt: Er hat midlife crisis.
Er bekommt nun von Mephisto eine einmalige Chance, die sonst keiner erhält: die Möglichkeit, die Zeit zurückzudrehen und völlig neu zu beginnen, alles komplett anders zu machen. Er darf sogar alles behalten, was er materiell und immateriell bereits erreicht hat: sein gesamtes Wissen, seine Erfahrungen, sein Vermögen. Es gibt keinen reset, kein "gehe zurück auf Los", er startet dort, wo er gerade steht. Mehr noch: egal was er machen wird: es wird nicht am Geld scheitern...
Was würdet Ihr an seiner Stelle machen, unter der Prämisse, daß Ihr alles tun könntet? Seid Ihr sicher, daß es nicht nur anders, sondern besser sein wird, und daß nicht genau die gleiche Routine irgendwann wieder zuschlägt? OK, dem Faust fällt erst mal nichts besseres ein, als in spätpubertärer Art und Weise ein junges, unerfahrenes Mädchen zu verführen. Bruce allmighty.
Um wieder auf das Eingangszitat zurückzukommen: Sogar das ist schon von einem Musiker kommentiert. Vom genialen Satiriker (doch! das ist er!) Rossini:
Zitat:
Der Ruhm ist eine Illusion, und die Arbeit eine Last!
Wie gesagt: Satire, und genau so ist dieses Zitat zu lesen. Egal, was man macht: Wenn man es gut machen möchte, braucht man immer Zeit und Arbeit dafür. Das ist kein Sängerspezifikum; viele tendieren dazu, ihren eigenen Beruf als den schwersten und undankbarsten von allen anzusehen.
Ob es sich gelohnt hat, kann man - Gott sei Dank! - immer nur in der Rückschau sagen. Wenn dem nicht so wäre, würden alle nur noch den "lohnendsten" Beruf ergreifen, um dann festzustellen, daß er das nicht mehr ist. Warum wohl? Das Phänomen ist unter dem Begriff "Schweinezyklus" bekannt...
http://de.wikipedia.org/wiki/Schweinezyklus